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October 9, 2006




Oct 2006

Hier kommt der Sohn

Jake Glaser, Sohn der verstorbenen HIV-positiven AIDS-Aktivistin Elizabeth Glaser, nimmt das Erbe seiner Mutter auf sich, Kindern zu helfen, die mit dem HIV/AIDS-Virus infiziert sind. Viele Dinge haben sich verändert, seit sie die Elizabeth Glaser Pediatric AIDS Foundation gegründet hat und bis zu ihrem eigenen Tod dafür gekämpft hat, ihn am Leben zu erhalten. Jake, selbst HIV positiv, ist ideal geeignet um heute für junge infizierte Menschen zu kämpfen. Er ist „hip“, kommt aus Hollywood und spricht eine Sprache, die Kids verstehen können. Wird Washington und der Rest der Welt auch zuhören?

Es ist ein heißer Augusttag in Rustic Canyon, eine wohlhabende Enklave in West-Los Angeles, und der Erbe eines der außergewöhnlichsten AIDS-Vermächtnisse Amerikas entspannt sich mit seinem besten Freund. Jake Glaser, Sohn der verstorbenen Elizabeth Glaser – die mit zwei Freundinnen 1988 die Elizabeth Glaser Pediatric AIDS Foundation gründete – hängt im Haus seines Kumpels Zander Fiel ab, das abgelegen am Ende einer langen unbefestigten Straße liegt. Bekleidet mit einem Trägerhemd und regulären (Nicht-Designer) Jeans klimpert Jake, 21, im Aufnahmestudio von Zanders Vater auf einem Klavier. (Jake spielt Jazz und Blues am Klavier seit er 13 Jahre alt ist). Beste Freunde seit der Grundschule haben sowohl Jake als auch Zander Väter mit großen Namen aus dem Showgeschäft (Jakes Vater ist Schauspieler Paul Michael Glaser, „Starsky“ aus der 70er Hit TV-Serie Starksy & Hutch; Zanders Vater komponiert Filmmusik). Jake und Zander haben gemeinsam viel durchgemacht, angefangen von einem Erdbeben, über Elizabeths Tod (Jake war am Tag als sie starb in Zanders Haus) und Jakes Kampf mit HIV (seine Mutter, erst nach ihrer Schwangerschaft diagnostiziert, übertrug ihm den Virus unbewusst während der Geburt; Zander war einer seiner wenigen Freunde, der von klein auf wusste, dass er positiv ist). Heute sind sie beide vom Fotografen Clay Patrick McBride beeindruckt, der gekommen ist, um Jake zu fotografieren. McBride hat einige der heißesten Stars der Musikbranche abgelichtet, u.a. Jay-Z und die Roots; zwischen den Aufnahmen fragen die Jungs ihn nach dem neusten Klatsch der Szene – die härteste Währung in ihrer privilegierten Hollywood-Welt.

Nachdem er zusehen musste, wie seine Schwester Ariel beerdigt wurde, die 1988 an AIDS starb (als sie 7 und er 3 waren) und wie seine Mutter der Krankheit sechs Jahre später erlag, fühlt sich Jake zutiefst verpflichtet, die Mission seiner Mutter weiterzuführen: Kindern mit HIV/AIDS auf der ganzen Welt zu helfen – und dafür zu sorgen, dass zukünftige Generationen sich nicht mehr damit beschäftigen müssen. Bis heute hat die Stiftung mehr als 130 Millionen Dollar gesammelt und ist die führende nationale gemeinnützige Organisation, die sich der Erkennung, der Finanzierung und der Durchführung der wichtigen AIDS-Forschung speziell bei Kindern widmet. Sie finanziert außerdem Programme in 18 Entwicklungsländern um der Mutter-Kind-Übertragung des HIV Virus vorzubeugen. Jake ist seit Jahren Sprecher der Stiftung. Kürzlich, nachdem er die Ausbildung an der George Washington University abgebrochen hatte um bei einer Firma in New York zu arbeiten, die Musikvideos produziert, versuchte er auch die Stiftung zu verlassen. Einer der führenden Stiftungsmitarbeiter sagte, dass dies rein technisch gesehen kein Job sei, den man kündigen könne. Also definierte Jake seine Rolle neu, kam hinter dem Schreibtisch hervor, um mehr Zeit auf Podien zu verbringen und mit jungen Leuten über die Gefahren von HIV zu sprechen. Sein Job ist wohl genauso wichtig wie die Suche nach besseren Behandlungsmethoden – und einer Heilung – weil die Krankheit ohne gleichzeitige intensive Präventionsmaßnahmen nur allein durch die Behandlung nicht bezwungen werden kann. Jake repräsentiert zunehmend das neue Gesicht der Epidemie: jeden Tag werden global 6000 Menschen zwischen 15 und 24 Jahren mit HIV infiziert.

“[Die Arbeit, die ich in der Stiftung leiste] ist nichts das jemals aus meinem Leben verschwinden wird“, sagt er. Sein Vater, Paul, fügt hinzu: “Jake hat seine Situation bis zu einem gewissen Grad in die eigene Verantwortung genommen, anstatt sich der Opferrolle hinzugeben; das hat es ihm ermöglicht, Kraft für sich selbst und andere zu finden.“

Die Persol-Sonnenbrille, die Baseballkappe tief in die Augen gezogen, die coolen Jeans: Jake sieht ganz nach einem Hollywood Jungspund aus. „Wenn ich ausgehe“, sagt er, „dann ziehe ich die Designerjeans an. Oh, und ich kann sogar Pink tragen. Das können sie so drucken.“ Sein Elan, seine Umgangssprache und ein gelegentlicher Mohawk-Haarschnitt gleichen dem eines übernächtigten Jazzmusikers, aber wenn er ein bisschen verschlafen aussieht, dann wahrscheinlich eher weil er sich bis in die späte Nacht mit einem Freund unterhalten („Ich habe viel Zeit bei Psychologen verbracht“, sagt er, „Also bin ich ein guter Ratgeber“) oder an einer AIDS Rede gefeilt, als dass er auf einer Party gefeiert hat. Nicht, dass er sich nicht amüsiert. Jakes Kraft liegt in Beziehung zum Publikum.

“Nachdem ich an einem College gesprochen habe, gehe ich oft auf eine Party und habe eine gute Zeit mit den Kids”, sagt er. „Das macht wirklich Eindruck auf sie. Sie denken: ‚Wow, der Typ ist auch nicht anders als jeder andere. Da ist nichts, wovor man sich fürchten müsste.’

“Es muss mehr Aufklärung unter jungen Amerikanern betrieben werden”, fügt er hinzu. „Die jungen Menschen wollen mehr über die Krankheit wissen. Aber wir erlauben den Leuten nicht, herauszukommen und Spaß zu haben und dabei etwas zu lernen. Deshalb bemühe ich mich, Spendenaktionen während Musikveranstaltungen einzubringen, z.B. bei House of Blues und Whiskey a Go Go. Wenn Leute mit ihren Freunden abhängen und gleichzeitig solche Sachen eingetrichtert bekommen, unterbewusst, dann bleibt etwas hängen.“

Jakes Eltern haben ihm schon im Mutterleib viel mitgegeben: gutes Aussehen, Intelligenz, Persönlichkeit, Charakterstärke, einen Sinn für soziale Verantwortung, HIV – und eine genetische Mutation die seinem Körper hilft, das HIV-Virus zu bekämpfen. Jake hat eine Mutation des CCR5-Gens (auch “Delta 32” genannt) von seinem HIV-negativen Vater geerbt. Delta 32 hat seinem Körper geholfen, den Ausbruch der Krankheit zu verzögern, indem es den Eintritt des Virus in die T-Zellen einschränkt. Jake wird am 25. Oktober seinen 22. Geburtstag feiern, nachdem er HIV gewissermaßen für die Dauer der Pandemie überlebt hat. Seit den letzten fünf Jahren lebt er ohne die Behandlung mit HIV-Medikamenten.

Genauso wie die genetische Mutation, die Jake von seinem Vater geerbt hat, sein Leben verlängert hat, so hat auch der Einfluss seiner Mutter geholfen. „Die Leute sagen mir, dass ich meiner Mutter sehr ähnlich bin, dass ich diesen Kampf genau wie sie kämpfe und ich muss ihnen recht geben“, sagt Jake. „Ich kann mich glücklich schätzen, mit zwei Elternteilen gesegnet gewesen zu sein, die nicht gerade schüchtern waren. Ich habe keine Angst davor, vor tausenden von Leuten zu stehen.“

„Die einzige Wahl die ich habe, ist sicherzugehen, dass ich jeden Morgen in meinen Tag eintauche. Ich vergleiche das Leben gern mit dem Surfen. Ich tauche in meinen Tag hinein, indem ich die größte Welle in Angriff nehme, die hereinkommt. Du lebst nur einmal, also kann man genauso gut hinaufspringen“, sagt er.

Jake hat das dichte, braune Haar seiner Mutter, ein Lächeln groß und warm genug, um einen Gletscher zum schmelzen zu bringen und ihre Hartnäckigkeit und Respektlosigkeit, wenn es darum geht, Hindernisse für die Mission der Stiftung zu konfrontieren. „Ich kann den politischen Mist nicht ertragen, der um HIV/AIDS gemacht wird”, sagt Jake. „Meine Mutter ging mehr oder weniger mit der Ansicht an die Sache heran: ‚Zum Teufel mit der Politik. Das wird meine Vision nicht aufhalten.’ Ich bin genauso. Wenn ich eine Rede halten soll, dann schreibe ich sie auf und es kommt öfters vor, dass die Stiftung versucht, sie umzuschreiben damit sie politisch korrekt ist. Dann zerreiße ich sie jedes Mal und werfe sie weg.“

Jake hat seine eigene Vorstellung davon, wie die Stiftung, die seine Mutter mit ihren Freundinnen Susie Zeegan und Susan DeLaurentis gegründet hat, sich weiterentwickeln sollte.
“Unsere Stiftung hat viel großartige Arbeit bei der Entwicklung und Verbreitung neuer Medikamente geleistet”, sagt er. „Der Grund, warum wir nun an einer Hürde [bei der Behandlung] angelangt sind, ist der, dass die Medikamente so gut und die Mehrheit der Leute in unserem Land Zugang dazu bekommen können, inklusive derjenigen, die uns Glauben machen wollen, dass dies eine kontrollierbare Krankheit ist. Deshalb sind die Leute heute kaum noch beunruhigt über HIV. Die nächste größere Sache ist, von einer typischen medizinischen Überzeugung wegzukommen wie ‚Das ist Krebs, also müssen wir Krebs studieren’ oder ‚Das ist AIDS, also studieren wir nur AIDS’, oder ‚Das ist Diabetes, also lasst uns nur Diabetes studieren.’ Die wahre Botschaft der Stiftung betrifft die Vernetzung von Forschung. Mein nächster Schritt wäre, dass es ein Netzwerk für all diese Ärzte gibt, wo sie ihre Informationen austauschen können und von anderen [Ärzten] und anderen Krankheiten lernen können. Dies würde den nächsten Durchbruch bedeuten.“

Für Jake genauso wie für alle, die mit HIV kämpfen, muss die Suche und die Hoffnung nach bzw. auf eine Heilung mit der täglichen Realität und dem Leben mit dem Virus ausgeglichen werden. „Ich bin an den Punkt gekommen – auch wenn ich von dem mutierten Gen weiß, das ich habe, und der Medizin die unser Leben verlängern kann - wo ich mich der Tatsache stellen muss, dass dies etwas ist, das mich potentiell umbringen könnte,“ sagt er.

Sein Vater, dem Jake sehr nahe steht, hilft ihm, die Krankheit philosophisch zu betrachten. „Du bist machtlos gegen den Virus, aber nicht gegen deine Angst“, sagt Paul. „Meine Frau hat mich diese Redewendung gelehrt: ‚Unsere Ängste sind wie Drachen, die unsere verborgensten Schätze bewachen.’ Die Sterblichkeit ist seit dem Moment unserer Geburt in unserem Leben präsent. Diejenigen, die die Chance haben, sich dem zu stellen, was mit uns allen geschehen wird, haben die Gelegenheit zu wählen: sie können sich die Erkenntnis dieser Tatsache zunutze machen oder den Kopf in den Sand stecken. Deine Angst ist dein größter Verbündeter, weil sie dich zu deinem Herzen führen kann.“

Jake stimmt dem zu. “Ich lebe jenseits der Angst weil ich eine größere Zufriedenheit und die Einsicht darüber habe, wie ich mein Leben leben sollte. Mit Sicherheit hat HIV/AIDS und die ganze Geschichte wie meine Familie sie durchlebt hat geholfen, diese Denkweise zu prägen.“ Er zögert. „Die Dinge könnten morgen zu Ende sein und ich würde vollkommen zufrieden sein mit dem, was ich in meinem Leben getan habe.“ Genau wie zuvor bei seiner Mutter macht Jakes Einsicht über die Zerbrechlichkeit von Morgen das Heute zu einem besonderen Erlebnis.


From POZ Magazine, Oct. 2006 (www.poz.com)

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